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Die Uhren auf anders

Nicht alles an Corona ist negativ. Die Pandemie hat viele Menschen zum Innehalten und Umdenken bewegt. Besonders in der Gastronomie sowie im Kunstgewerbe ist dies zu spüren. Die Zeiger der Uhr stehen auf Veränderung. Das war auch in Hattersheim beim Garten-Konzert von Paddy Schmidt zu erleben

Die Uhren auf anders - ein Interview

(das Interview und auch Bilder können Sier hier herunterladen.)

 

Nicht alles an Corona ist negativ. Die Pandemie hat viele Menschen zum Innehalten und Umdenken bewegt. Jeder macht für sich das Beste aus dieser besonderen Zeit, ob familiär oder beruflich. Besonders in der Gastronomie sowie im Kunstgewerbe ist dies zu spüren. Die Zeiger der Uhr stehen auf Veränderung. Mit viel Kreativität kann man oft doch, für den Moment, scheinbar unmögliche Dinge wieder möglich machen.

 

Lieber Paddy, wir kennen uns nun schon seit über 20 Jahren nicht nur als Fan und Musiker, sondern ebenso persönlich. Erst nur als Fan und Mitglied Deiner Community. Über Dich habe ich bald meinen Mann und viele gute Freunde, die bis heute geblieben sind, kennengelernt. Du hast auf unserer Hochzeit gespielt. Unsere Kinder wachsen mit Deiner Musik und Konzertbesuchen auf. Du bist als Teil unseres Lebens nicht mehr wegzudenken. Auch Du bist als freischaffender Künstler, ob solo oder mit Deiner Band PADDY GOES TO HOLYHEAD von der Corona-Pandemie betroffen. Bitte erzähl uns, was seit dem ersten Lockdown bis heute bei Dir alles geschehen ist. Welche Einschränkungen haben Dich besonders getroffen?

 

 

Wir Künstler (Musiker) haben keine Lobby und von daher nicht von Anfang an Unterstützung erfahren, wie z. B. die Kurzarbeitergeldempfänger. Besonders bei den Soloselbständigen war das ein Problem, da diese nicht ihre Lebenshaltungskosten sondern nur sogenannte Betriebskosten (Proberaummiete, Bürokosten, Instrumenten- u. Anlagenmiete, etc.) anteilig geltend machen konnten. Ein Witz! Das Berufsverbot bestand von Mitte März 2020 bis Mitte Mail 2020, danach war es u. U. mühsam möglich, bis Mitte Oktober 2020 kleinere Auftritte zu absolvieren. Ab Mitte Oktober 2020 griff der sogenannte Lock-Down faktisch bis Ende Mai 2021, da waren keine Liveauftritte möglich. Für die Soloselbständigen gab es erstmals nach neun Monaten mit der November- u. Dezemberhilfe auf Antrag nach großen Protesten Hilfe vom Staat, die u. U. zurückgezahlt werden muss. Wer nicht durchhalten konnte, verschwand in der Grundsicherung, also Hartz IV.

 

 

Du hast trotzdem nicht aufgegeben und weiter an Dich geglaubt. Konntest Du durch die neuen Möglichkeiten, die sich Dir bieten, der Pandemie etwas positives abgewinnen?

 

 

Durch das Livemusikverbot wurde uns Musikern die Haupteinnahmequelle genommen. Ersetzt habe ich es zum Teil dadurch, dass ich online tätig wurde, z. B. durch Live-Stream-Auftritte. Ganz großes Interesse zeigten die Fans an gemeinsamen Videolivekonferenzen zusammen mit einem Freund, der Whiskytastings moderiert. Ich habe zwischen Moderation und Verköstigung für musikalische Untermalung gesorgt. Das System funktionierte derart, dass die Whiskyproben an die interessierte Gemeinde (etwa 10 – 20 Leute jeweils) zwei Wochen im Voraus versendet wurden. Die Finanzierung erfolgte fast ausschließlich über Spenden und ich bin meinen zahlreichen Fans dankbar, dass sie mich über diesen langen Zeitraum mit Anwesenheit und Spenden unterstützt haben. Wir haben manchmal bis zu drei Musiktastings in der Woche durchgeführt. Ab und zu, wenn die Zeit knapp wurde, habe ich die Whiskyproben sogar mit dem Motorrad selbst ausgefahren – ich hatte ja Zeit!

 

 

Als ich in den sozialen Medien zum ersten Mal darüber gelesen habe, daß Du coronabedingt inzwischen auch Gartenkonzerte anbietest, haben die ersten Bilder damals aus Butzbach sofort das Interesse und den Wunsch bei mir geweckt, Dich auf diesem Weg zu supporten. Die Idee zu „Folk im Gemeindegarten“, wie wir es später genannt haben, war geboren. Bitte erzähl uns, wie Du überhaupt auf die Idee gekommen bist, Gartenkonzerte zu veranstalten.

 

 

Die Idee stammt nicht von mir. Als Öffnungen und Veranstaltungen durch die staatlichen Coronaauflagen für die etablierte Gastronomie und Clubszene  aufgrund viel zu hoher Personalkosten undurchführbar wurden, sind Privatleute eingesprungen und haben durch ihr Engagement halb- oder nichtöffentliche Konzerte, z. B. in Gärten möglich gemacht. Das wurde auch dadurch erleichtert, dass Künstler auf ihre gewohnten Gagen primär verzichtet haben und die Auftritte auf Spendenbasis durchgeführt wurden. Im Gegenzug konnten Fans kräftig spenden und auf diesem Weg Kunst und Kultur direkt unterstützen. Leider funktionierte das aber nur bei gutem Wetter in Außenbereichen, für Innenraumkonzerte galten andere Regeln oder es bestand dafür keine Genehmigung. Der Sommer 2020 war regenarm und daher besser für Gartenkonzerte geeignet als der unbeständige Sommer 2021. Aber irgendwie ging auch das. Selbstverständlich wurden auch im privaten Rahmen von Veranstaltern, Gästen und Künstlern die Auflagen der Coronapolitik unterstützt.

 

 

 

Aus der Idee zu „Folk im Gemeindegarten“ wurde ein richtig tolles Konzert. Ein unbeschwerter Nachmittag mit Deiner Musik und Unterhaltung, bei bestem Wetter, wenn auch immernoch mit der ein oder anderen Einschränkung coronabedingt verbunden. Etwas auf das viele der anwesenden Gäste lange Zeit verzichtet haben und nach dem sich irgendwo jeder von uns gesehnt hat, es wiederzuhaben. Was kannst Du rückblickend zum Konzert erzählen, welche Eindrücke sind bei Dir positiv hängen geblieben?

 

 

 

Die Freude der Konzertbesucher, nach langen Monaten des Verzichts wieder Konzerte live erleben zu können war traumhaft. Und natürlich habe auch ich mich gefreut, endlich wieder richtig auftreten zu können. Auf der einen Seite eine riesige Erwartungshaltung, bei der die Atmosphäre des Konzerts greifbar war und auf der anderen Seite die Spielfreude – was will man mehr? Da macht sogar der Auf- und Abbau von Anlage, Instrumenten und Gartenstühlen Spaß!

 

 

 

Nachdem ich damals die erste Idee zu „Folk im Gemeindegarten“ hatte, war bei mir schnell der Gedanke da, ob Du überhaupt Interesse daran hättest, wenn ich dies über die Kirchengemeinde organisiere. - Ich weiß noch, wie Du manchmal geschmunzelt hast, wenn ich als Fan damals mit meinen Freundinnen Deine Konzerte besuchte, anschließend zu dritt im Kofferraum unseres Autos übernachtet, und am nächsten Morgen musste ich in meiner Heimatgemeinde als Messdienerin (ja, ich bin ursprünglich andersgläubig / katholisch, was auch wiederum hier zum Thema passt) mit dem großen Kreuz der Fronleichnamprozession voran marschieren. Wie verhält es sich genau mit Deinem Glauben? Wie stehst Du im Glauben zu Gott heute?

 

 

 

Ich bin mal ev. getauft und konfirmiert worden, aber irgendwann mit 18 Jahren aus der Kirche ausgetreten. Meiner Meinung nach, soll jeder nach seiner Facon glücklich werden. Religionsfreiheit ist ein hohes und schützenswertes Gut unserer demokratischen Gesellschaft. So soll jeder frei entscheiden dürfen, ob er als Christ, Moslem, Jude, Buddhist, Atheist oder Naturreligiöser durchs Leben geht. Ich bin einfach nur konfessionslos.

 

 

 

Trotz das wir im Glauben verschieden sind, können wir entspannt miteinander umgehen und Du hast mir sofort für die Idee zu „Folk im Gemeindegarten“ zugesagt. War es zu keiner Zeit abschreckend für Dich, nicht wie sonst hier in Hattersheim gewohnt, über den Folk-Club in der KRONE oder über das Kulturforum im alten Posthof zu spielen? Was hat Dich nicht davon abgehalten, mir bzw. uns zuzusagen?

 

 

 

Ich habe kirchliche Einrichtungen als Veranstaltungsorte schätzen gelernt. Tatsächlich habe ich für einen befreundeten Pfarrer vor Jahren einmal musikalisch eine Passionszeit begleitet. Während meines Auftritts hätte man in der Kirche eine Stecknadel fallen hören können. Welchem Musiker würde das nicht gefallen? Kirchen und Gemeindehäuser sind und waren auch immer ein Ort der Zusammenkunft für Gläubige und Andersgläubige und das soll bitte auch so bleiben. Ich finde es gut, wenn sich weiterhin kirchliche Einrichtungen der Livemusik öffnen.

 

 

 

Schön, das Du es nicht bereust, für uns im Gemeindegarten gespielt zu haben. Auch wir sind immernoch nachhaltig beeindruckt und begeistert. Bei Deiner Abschlussrede warst Du so begeistert, daß Du hast anklingen lassen, es wäre reizvoll für Dich, sofern Corona es zulässt, einmal in unserer Kirche aufzutreten und Musik zu spielen. Wie kam es zu diesem Gedanken?

 

 

 

Gotteshäuser wurden in der Vergangenheit gerade aus akustischen Erwägungen gebaut, als es noch keine Möglichkeit der elektrischen und elektronischen Verstärkung der Stimme gab. Es ist immer ein erhebender Moment, in einer solchen Kirche ohne Verstärkeranlage aufzutreten. Mein letztes glückseliges Akustikerlebnis hatte ich vor einigen Wochen im Kloster Eberbach. Unbezahlbar!

 

 

 

Dann hoffe ich, daß wir diese Idee weiterspinnen und Dich irgendwann wieder in unserer Kirchengemeinde begrüßen können. Ich danke Dir sehr für Deine Spontanität sowie Offenheit und hoffe, das wir noch lange miteinander befreundet bleiben.

 

 

 

Vielen lieben Dank für Eure tatkräftige Unterstützung, meines Gemeindegartenkonzertes bei Euch.

 

 

 

Das Interview führte  Sarah Hess, für den Gemeindeboten der ev. Kirchengemeinde Hattersheim.


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